Große Seidenstraße

 

In der Jahrtausende alten Geschichte der menschlichen Zivilisation gibt es viele Beispiele für den  gegenseitigen kulturellen und wirtschaftlichen Austausch zwischen Ländern und Völkern unterschiedlicher religiöser und ethnischer Traditionen. Ein solches Beispiel kann die Große Seidenstraße sein. Die sogenannte Handelsstraße reichte von den Küsten des Atlantischen Ozeans bis an die Küsten des Pazifik und erstreckte sich über den gesamten eurasischen Kontinent und schloss die Länder des Mittelmeerraums an den Fernen Osten an. Die Aktivität dieser großen Handelsstraße währte vom 2. Jahrhundert v. Chr. bis zum Ende des 17 Jh.

Es war nicht einfach eine kulturelle und wirtschaftliche Brücke zwischen Ost und West, zwischen verschiedenen Völkern in ihrem Streben nach friedlicher Zusammenarbeit aufzubauen. Entlang der Straßen entwickelte sich der Karawanenhandel, Siedlungen und reiche Städte mit Karawansereien entstanden. Kaufleute, Reisende und Pilger verbreiteten entlang dieser Straßen  nicht nur Waren, sondern auch neue Religionen, Sitten und die Herstellung von Produkten. Bis zum 2. Jahrhundert v. Chr. scheiterte der Weg von Europa nach Asien an den Grenzen Chinas. In der nachfolgenden Zeit begannen die Chinesen erste Handelskontakte zu knüpfen. 138 v. Chr. kam der chinesische Würdenträger Chzhan Tsjan mit einer diplomatischen Mission nach Zentralasien.

Die Aufgabe seiner Mission war es, die Nomaden des Yuedji Stamms davon zu überzeugen Verbündete des chinesischen Han-Reiches im Kampf gegen die Syunni-Nomaden zu werden, die das Chinas vom Norden her angegriffen hatten. Nach der Rückkehr Chzhan Tsjan berichtete er dem Kaiser über die einzigartigen Ländern westlich von China. Er erzählte vom entwickelten Handwerk, der Landwirtschaft und den Städte Zentralasiens, die mit Indien und dem Nahen Osten handelten. Er informierte den Kaiser über die Vollblutpferde, die den chinesischen Pferden im Vergleich überlegen waren.

Allerdings kannten die Menschen dieser Länder die Seidenraupenkultur noch nicht und waren nicht in der Lage Seide herzustellen. Der Kaiser hatte den Wunsch solche Pferde zu besitzen und sie gegen Seide einzutauschen, da sie für ihn enorme Vorteile im Kampf gegen die Nomaden bringen würden. 121 v. Chr. gelangte die erste Karawane mit Seide und Bronzespiegeln in die Fergana-Oase an den Ausläufern des Tien-Shan Gebirges. Somit wurde das letzte Jahrzehnt des zweiten Jahrhunderts v. Chr. die Geburt der Großen Seidenstraße. Neben Seide, kamen chinesische Metallprodukte, Nephrit, Korallen und andere Waren nach Zentralasien. Die Handelsbeziehungen zwischen Zentralasien und China begannen sich zu entwickeln und immer stärker zu werden. 

Die Große Seidenstraße bestand aus mehreren Routen, die über verschiedene Pässe und Bergkämme verliefen und Wüsten umgingen. Obwohl die Routen der Seidenstraße variierten, ist es möglich, zwei grundlegende Wege von Ost nach West zu erkennen:

Die Süd-Strecke - aus dem Norden von China durch Zentralasien bis in den Nahen Osten und Nord-Indien;

Die Nord-Strecke - aus dem Norden von China über den Pamir und die Nähe des Aralsees zur Unteren Wolga zum Schwarzen Meer.

Zwischen der südlichen und nördlichen Strecke gab es viele Verbindungsrouten und Abzweigungen. Die wichtigsten Güter, die Kaufleute aus China mit sich führten waren: chinesische Seide, Schmuck, Perlen, exotische Ornamente, teure Fayencen und Porzellan, Pfeffer und andere Gewürze.

In Europa haben die Menschen lange Zeit gedacht, dass Seide auf Bäumen wächst, weil nur die Chinesen Geheimnis der Seidenweberkultur kannten. Während der Herrschaft von Kaiser Augustus in Rom zahlte man Wollwaren, Gewürzen und Glasprodukten für chinesische Seide. Die Chinesen hatten keine Gründe diese Legenden zu leugnen, um ihr Monopol für den teuren Stoff zu sichern. Und auch die Parthener, durch deren Gebiet der Handel verlief, hielten es nicht für nötig das Geheimnis der Herstellung von Seide Preis zu geben, da sie erhebliche Gewinne aus dem Handel erzielten.
Unter dem Einfluss von China begann das Weben von Seidenstoffen und die Papierherstellung in Zentralasien und China wiederum bezog aus Zentralasien Weintrauben, Luzerne, Zwiebeln, Baumwolle, Granatäpfel, Walnüsse, Feigen und Gurken.

Der Name "Große Seidenstraße" wurde in der historischen Wissenschaft des 19. Jahrhunderts eingeführt, nachdem der deutsche Geograf und Historiker Ferdinand von Richthofen ihn in seinem Buch "China" aus dem Jahr 1877 zum ersten Mal verwandte. Die Große Seidenstraße umfasste gut 12000 km, aber nur sehr wenige Kaufleute zogen über die komplette Straße. In der Regel bewegten sie sich über kürzerer Abschnitte und tauschten Ware an den Karawansereien.
Politische Stabilität war für das erfolgreiche Funktionieren der Seidenstraße notwendig. Interne Kriege und der Verfall der Zentralgewalten führte zum Ruin einiger Städte und Karawansereien an den Handelsstraßen. Teilweise führte es auch zur Auflösung einzelner Zweige der Seidenstraße.
Der Niedergang der Großen Seidenstraße ist mit der Entwicklung der Handelsschifffahrt entlang der Küsten des Nahen Ostens, Süd-und Südostasien verbunden.
Im 14. und 15. Jahrhundert wurde der Seehandel attraktiver als der gefährliche Landweg der Karawanenrouten. Als Ergebnis dieser Faktoren wurde im 16. Jahrhundert der Handel auf der Großen Seidenstraße endgültig gestoppt. Allerdings funktionierten einige Zweige der Seidenstraße noch für lange Zeit (gestoppt wurde der Karawanenhandel zwischen Zentralasien und China nur im 18 Jahrhundert).
Die Geschichte der Großen Seidenstraße gilt heute als ein Beispiel des vorteilhaften Handels und den  friedlichen kulturellen Dialog unterschiedlicher Länder und Völker.